EuropeWine.com - Montag, 18. Oktober 2021
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Österreich - Architektur

Wein und Architektur in Österreich

Von Michael Giesen

Weingut Hillinger
Weingut Arachon
Weingut Umathum

Burgenland/Neusiedlersee

"Wenn man abseits von Blaufränkisch etwas haben will, dann sind wir eine Adresse." Josef Pfneisl kümmert sich im eigenen Weingut um das Marketing. Gemeinsam mit seinen Brüdern Gerhard (41), der für den Ausbau im Keller zuständig ist, und Franz (50), der dafür sorgt, dass im "Weingarten" alles ordentlich wächst und gedeiht, hat der 47-Jährige in  Deutschkreutz nahe der ungarischen Grenze eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Eine Erfolgsgeschichte, die Teil ist des riesigen Qualitätssprungs, den der Weinanbau in ganz Österreich, besonders im Burgenland und in der Wachau, in jüngerer Zeit genommen hat. Nach peinlichen Skandalen Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts hat bei den Winzern ein Umdenken eingesetzt. Inzwischen steht Wein "made in Austria" in der ganzen Welt für höchsten Anspruch.

Josef Pfneisl

"Weingut Pfneisl" das wäre in den Augen der drei "Shiraz-Brüder" als Name kein schönes Aushängeschild für internationale Vermarktung gewesen. Schließlich dürfte für einen Englisch sprechenden Weinfreund der Name "Pfneisl" ein Zungenbrecher sein. Also einigte man sich auf "United Vineyards". Ein Name, an dessen Findung Josef Pfneisl sein gerüttelt Anteil gehabt haben dürfte. Schließlich hat er als Einkäufer großer Weinfirmen die Welt bereist und dabei die Vision von "United Vineyards" entwickelt.

Der Begriff deutet darauf hin, dass die Lagen sich recht weit voneinander befinden. In Deutschkreutz und in Lutzmannsburg, an der römischen Bernsteinstraße, sogar im ungarischen Sopron gedeihen die Reben der "Shiraz-Brothers". Sorten wie Blaufränkisch, St. Laurent, Zweigelt, Shiraz, Merlot, Pinot Noir oder Cabernet Sauvignon werden auf 70 Hektar Rebfläche angebaut und im Keller zu bemerkenswerten Cuvées vermählt, aber auch reinsortig ausgebaut.

"Phaeton", "Platinum" oder auch "Pentagon" heißen dann die in Flaschen abgefüllten Tropfen, rote Charakterweine, die von Frucht, Kraft, Stoffigkeit, Eleganz oder der pikanten Würze des Blaufränkischen mitunter nur so strotzen. Nicht nur an Qualität haben Österreichs Weine mächtig zugelegt. Viele Winzer mussten, vom Erfolg beflügelt, neue Gebäude errichten lassen.

Für eine ganze Reihe unter ihnen war es selbstverständlich, dass zu bemerkenswerten Weinen auch eine bemerkenswerte Architektur gehört. Zum Kulturgut Wein hat sich in Österreich das Kulturgut Architektur gesellt. Als Vorbilder dürfen Frankreich mit seinen alt-ehrwürdigen Châteaux und Kaliforniens Weingüter mit ihrer modernen  Formensprache gelten.

 

Schwarzer Betonbau

Auch die "Pfneisl Family" hat sich für eine Investition in moderne Architektur entschieden und den Architekten Dietmar Grasser beauftragt, in Kleinmutschen einen rechteckigen schwarzen Stahlbetonbau zu realisieren, der als Weinlager, Präsentationshalle und Degustierbereich dienen kann. Ein imposanter schwarzer Quader, der mitten in die Weinanbaufläche gesetzt wurde und im Innern bei aller Schlichtheit wahre visuelle Erlebnisse bietet. "Form follows function" ("Form folgt der Funktion") das Credo wurde zwar auch hier umgesetzt, dennoch wird dem Betrachter monumentale, dunkle Kraft geboten, wie sie sich in den Pfneisl-Weinen wieder findet: Das Auge trinkt mit.

Weingut Hillinger

Wie anders ist die architektonische Anmutung bei Leo Hillinger in Jois! Hier wirkt alles leicht und luftig. "Wichtig war für uns: Transparenz, viel Glas", sagt der international erfolgsverwöhnte Winzer. "Wir hätten ja ein Schloss hinbauen können. Aber wir sind keine Schlossherren."

Dabei liegt der minimalistische Glas-Beton-Bau mit der Adresse "Hill 1" auf der einzigen Anhöhe weit und breit. Der Blick schweift weit umher und fällt auf Reben und "weiter hinten" den Neusiedler See. "Small Hill White" so heißt die Cuvée aus Muskateller, Sauvignon Blanc und Riesling, die Hillinger ins Glas gibt. Der Wein aus dem Jahre 2004 schmeckt leicht, frisch, fruchtig und saftig.

Hillinger hat ihn vorzugsweise für die Gastronomie gemacht. 800 000 Flaschen werden im Jahr abgefüllt. Davon gehen 100 000 in die Schweiz, für den Winzer der größte Exportmarkt, gleich gefolgt von den USA. Seit Hillinger Erfolg hat, ist er auch vor Ort ein angesehener Mann. Doch bis es so weit war, hat er gegen Anwohner und Bürgermeister kämpfen müssen. Die wollten den Bau dort nicht.

Sechs Millionen Euro hat Hillinger investiert. "Ich hätt sicher nicht in dem Rahmen gebaut, wenn ich die 30 Prozent nicht gehabt hätt", sagt er und meint damit die 30-prozentige Förderung durch die Europäische Union. Ohne sie hätte es die Architektur-Revolution bei Österreichs Winzern in dem Maß sicher nicht gegeben.

 

Keine Show

Alois Kracher

"Alles möglichst unauffällig." Die Devise verfolgt Alois Kracher, dessen Trockenbeerenauslesen hoch geschätzt sind. Anders als Hillinger verzichtet er auf Show und Effekt. Gleichwohl ist gerade ein Team des ORF bei ihm und macht Aufnahmen. Denn Kracher hat ebenfalls internationales Renommee. "Wie kriegt man hochwertige und einfache Architekten? Das war die Fragestellung." Also verwundert es auch nicht, dass man die klar gezeichnete Architektur von außen gar nicht einsehen kann. Sie versteckt sich hinter einer hohen Mauer und reichlich Grün.

Dass eine bestechende architektonische Lösung für Weinlager und Produktionsanlagen nicht unbedingt auch gleichbedeutend sein muss mit bestechendem Wein, dafür mag das Weingut "Arachon" (der mittelalterliche Name bedeutet so viel wie "die beiden Eichen") ein Beispiel sein.

Weingut Arachon

Die geometrische Frontalansicht (Architekten: Wilhelm Holzbauer und Dieter Irresberger) aus heimischem Sandstein macht viel her. Über den Rotwein lässt sich ein solches Urteil nicht abgeben. Noch nicht. "Wir sind ein sehr junger Betrieb, deswegen kann man in eine moderne Richtung fahren", sagt Franz-Josef Gansberger, "Außenminister" des Weingutes in Horitschon. 

 

Weingut Mariel

Auf eine stolze Erfolgsbilanz können Gabi und Richard Mariel verweisen. Das gilt sowohl für ihre Weine wie für ihre Destillate. Durch Glasfenster kann man von der Hauptstraße in Großhöflein auf die Barrique-Fässer des Weingutes "Wein & Schnaps Mariell" blicken. Der mit Lärchenholz verkleidete geradlinige Bau hebt sich eindrucksvoll von den umliegenden Häusern des Dorfes ab. Fast wie ein Fremdkörper.

Weingut Umathum

Den umgekehrten Weg hat Josef Umathum in Frauenkirchen beschritten. Seine Weine lagern in einer Halle, deren Form sich an die in Sichtweite liegende Frauenkirche anlehnt. Ein traditionelles Thema modern interpretiert. Auch das Flaschenetikett ziert die Frauenkirche. Josef Umathum gehört zu den Vorreitern im österreichischen Weinbau.

Derzeit experimentiert er, der zu 90 Prozent rote Rebsorten anbaut und jährlich 200 000 Flaschen vom Hof schickt, mit biodynamischem Anbau: "Langfristig wollen wir in diese Richtung umstellen." Erst müsse er noch etwas mehr Erfahrung sammeln. Auf den Glasverschluss, den Vino-Lok, hat er schon umgestellt. Dazu habe man inzwischen genug Erfahrung gesammelt.

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